Stefanie Standfest und Miriam Hüttner haben zum Thema "Förderung im Offenen Unterricht" bei Frau Hertlein-Maier folgendes beobachtet:

"Der gesamte Unterricht ist danach ausgerichtet, das Kind bei seinem individuellen Leistungs- und Lerninteresse, bei seiner individuellen Neugierde abzuholen und zu fördern - meiner Meinung nach das Optimum an Differenzierung. So können die Schüler ihre Vorkenntnisse  einbringen und diese gemäß ihren Interessen und Fähigkeiten in verschiedene Richtungen erweitern. Unterricht beschränkt sich also hier nicht auf erstarrtes Faktenlernen, sondern die Kinder lernen in direkter Auseinandersetzung mit dem Gegenstand.

Innerhalb eines übergeordneten Themenbereiches legen die Kinder fest was sie interessiert und an welchen Schwerpunkten sie arbeiten möchten. Differenzierung ist also nicht als von außen vorgenommene Maßnahme zu verstehen, sondern entspringt den Persönlichkeiten der Kinder selbst. Dem Anspruch die Kinder in ihrer Individualität zu fördern wird der Unterricht hier also wirklich gerecht.

Bei der Arbeit an den Stationen (der eigentlichen Erarbeitungsphase) werden die Schüler mit den unterschiedlichsten Materialien und Aufgaben konfrontiert: Sie lernen mit allen Sinnen ihre Umwelt wahrzunehmen und zu erforschen (z.B. bei der Ausführung von Experimenten), eine Aufgabe der sich Kinder in heutiger Zeit kaum noch stellen müssen. Der Unterrichtsstoff kann also individuell über mehrere Sinneskanäle aufgenommen werden. Dabei werden aber auch viele andere Arbeitstechniken „nebenbei“ geschult und trainiert: Die Kinder müssen sinnentnehmend Lesen und einfache Arbeitsaufträge ausführen. Sie lernen das Nachschlagen in Lexika, schriftlich zu arbeiten, Zuordnungsaufgaben, etc.

Ein so differenziertes Arbeitsangebot dürfte wohl während einer herkömmlichen, lehrerzentrierten Unterrichtsstunde kaum zu erreichen sein.

 Zuletzt ist zu betonen, dass auf diese Art und Weise die Interessen und Fähigkeiten der Kinder nicht nur respektiert und beachtet, sondern durch die gemeinsame Arbeit auch enorm erweitert werden. Bei der Zusammenarbeit lernen die Schüler zum einen verschiedene soziale Rollen kennen und diese akzeptieren. Zum anderen werden sie durch die Auseinandersetzung mit den Interessen und Begabungen der Mitschüler auch motiviert und neugierig, sich neuen Herausforderungen zu stellen. So ließ sich beobachten, dass kaum ein Kind innerhalb einer Arbeitsgruppe nur wenig Aufgaben bearbeitete oder sogar desinteressiert war. Im Gegenteil war eine sehr dichte und aufmerksame Arbeitsatmosphäre in der Klasse deutlich spürbar.

Selbständig arbeiten die Kinder an den Stationen zum Thema „ die Wiese“

Durch die Arbeit und Ergebnisse der Kinder bekommt die Lehrkraft eine sehr differenzierte Rückmeldung über die individuellen Kenntnisstände und Lernfortschritte ihrer Kinder und kann diese dann auch entsprechend den Schülern und Eltern weitergeben oder entsprechende Maßnahmen ergreifen.

Bis dahin ist es jedoch vermutlich ein weiter Weg: Die offene und differenzierte Art der Arbeit erfordert zum einen von der Lehrkraft ein erhebliches Maß an Mehraufwand in der Planung, Vorbereitung und Durchführung des Unterrichts. Zum anderen ist ein großer und genauer Beobachtungsaufwand notwendig, um die Leistung und eventuelle Schwierigkeiten der Kinder wahrzunehmen.

Insgesamt wurde jedoch sehr deutlich, dass der Spagat zwischen Lehrplan bzw. Anforderungen der Institution und der Individualität und den Interessen der einzelnen Kinder durchaus zu bewältigen ist".

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